Meine Sehnsucht ist meine Befreierin

Ich fühlte heute wieder einmal Sehnsucht meine Adern füllen, fluten. Sie ist ein nicht selten und ungern empfangener Gast in meinem Haus, in meinem Königreich. Sehnsucht nach Echtheit. Nach Wirklichkeit, Wahrheit. Nach Aufrichtigkeit und aufrichtiger Liebe. Nach Transzendenz. Sehnsucht danach, die allgemein anerkannten Grenzen unseres Miteinanderseins, unseres Seins hinter mir zu lassen und ins Ungewisse, von der Welt Verdammte zu springen. Diese Grenzen, die zuweilen sowohl im Außen in Form von Zäunen als auch in unserem Innern in Form von Mauern existieren, beides jedoch erbaut durch fremde Hand.
Ich sehnte mich einmal erneut danach, nicht nur wahrhaftig und spürbar geliebt zu werden, sondern auch wahrhaftig lieben zu können.

Die Sehnsucht kann schmerzen, oh ja, sie ist eine ganz eigene Form des Schmerzes, doch sie ist mir auch eine sehr teure, liebe Freundin, sie liebt mich und macht mich immer wieder erneut teils sanft, teils rau, auf diese Zäune und Mauern in mir und um mich herum aufmerksam. Sie ist der Zeigefinger, der in die Unendlichkeit weist, das Auge, das in die Unsterblichkeit hineinblickt. Sie eröffnet in mir die Möglichkeit, dass es noch mehr für mich zu sehen gibt. Dass ich nach mehr fragen darf.

Das, was dabei so schmerzt ist die Distanz, die Erkenntnis der Distanz zwischen dem Ort wo wir sind und dem Ort, der hinter den Mauern und Zäunen liegt. Und es ist auch zuweilen die Höhe und schiere Massivität dieser Bauwerke, die Robustheit und der bedrohlich wirkende Stacheldraht, der uns dabei Schmerz bereitet.

Ich habe gelernt, dass es immer, ohne Ausnahme, immer wert ist, mit dem Auge dem Zeigefinger zu folgen, zu gehorchen, und zumindest einmal zu versuchen, einen Blick darauf zu erhaschen, was dort drüben liegt. Eine generelle Achtsam- und Aufmerksamkeit, Offenheit für alle Dinge des Lebens, für das Leben selbst, Neugierde, Wissens- und Liebensdurst, all das, alle diese durchaus kindlichen Eigenschaften begünstigen ebendiese Fähigkeit, Rufe und Wegzeigungen der Sehnsucht voll Sensibilität wahrzunehmen und ermöglichen, entfachen dadurch die Möglichkeit, zu träumen. Ich denke diese Eigenschaften sind keineswegs durch die Natur den Kindern allein vorbehalten, jedoch ist es das, was die moderne Welt, die Welt der Pflastersteine uns glaubend braucht, uns verinnerlicht wissen muss, um zu bestehen und fortbestehen zu können. Sie verlangt von uns unzählige Opfergaben, und unter anderem die des Träumens, des Kindseins. Was sie benötigt, sind folgsame, schweigsame, treu untergebene Nutztiere, metallene, solide, verlässliche Zahnräder, um ihre Maschinerie des Todes zu betreiben. Sie braucht weder Freude, noch Neugierde, keinen Wissens- oder Liebensdurst, kein Singen und Tanzen, keine Empathie, kein unabhängiges Denken, das wäre ihr alles hinderlich. Sie braucht Professionalität, Sterilität, Distanziertheit, Totheit. Es braucht Totheit, um zu töten.

(11.06.2025)