In den Meeren des Extremen habe ich gelernt, zu schwimmen. Mit den sich türmenden Wellen zu tauchen und mich hinzugeben dem Willen der See. Nicht jedoch in seichtem, freundlichem Gewässer, dort verliere ich den Bezug zu meiner Existenz, das Gefühl für meine Haut und den Geschmack von Sinn. Werde ich umhergespült, von Monsterwellen gepeitscht und geprügelt, werde ich zerschlagen und zerdrückt von Massen aus Wasser, so spüre ich. Etwas. Gehe ich unter in den Bergen des Schmerzes oder schwebe ich hoch über allen Welten in Glückseligkeit, so habe ich einen Platz. Dann nehme ich einen Sinn von Berechtigung meines Daseins wahr. Wenn ich spüre. Wenn ich viel spüre. Oh Herr, liebe mich und zerstöre mich, zertrete das Häufchen Asche meines ausgebrannten Seins, puste mich fort, aber lass mich nicht verdursten, verwelken, vertrocknen in den seichten Bächen der Gewöhnlichkeit, in den steten, fließenden Flüssen des Alltags, dem stinkenden, stehenden Weiher der Gemäßigtheit und Vernunft.
Mein Leben lang schon suchtete ich ohne mein Wissen nach den Extremen. Ich suchte sie im Schleier der Drogen und suchte sie im Rausch der Erotik. Durch die Himmel der Lust und des Schmerzes, durch die Hitze von Gewalt und die Zügellosigkeit meiner Freiheit. Ich suchte sie in Dingen, die mir eine Identität verleihen und meinen Tag füllen, ich wollte alles lernen und wissen und können, alles verstehen, alles sein. Egal wie extrem, und je unkonventioneller, desto attraktiver. Alles in meiner Gedankenwelt ist durchdrungen vom Wasser des Extremen. Lebensentwürfe, Zukunftsvorstellungen, Wünsche und nicht zuletzt meine Stimmung.
Eine Zeit lang habe ich diese ziellose Suche als bloße Wildheit und pulsierenden Erlebnishunger erkannt und gerechtfertigt, doch nicht begriffen, für was er das Gesicht ist, was er verschleiert. Von was er durchzogen, durchwebt ist. Heute erkenne ich an, wie viel in all meinem heutigen und gestrigen Tun ganz allein darauf basiert, dessen Gegenteil zu vermeiden. In all den so furchtbar wichtigen und allzu identitätsschaffenden Dingen in meinem Leben verbirgt sich der Zweck, zu erlangen, was ich nie hatte, zu bekommen, was mir verwehrt gewesen. Und zugleich zu vermeiden, was mir angetan wurde, zu beenden, wie mein Herz und meine Psyche geschändet wurden. Mein inneres Überleben sicherzustellen. Die Freiheit zu erleben, die mir geraubt und in Ketten gelegt wurde. Die Liebe zu spüren, die ich nicht erfahren durfte, nach der ich so bitterlich und verzweifelt suche. Das Umfeld zu haben, das für mich nicht existierte. Der Mensch zu sein, für den zu sein ich nicht ausgelegt, nicht erzogen wurde.
Ich musste Freiheit kosten, um zu wissen, was es heißt, nicht gefangen zu sein. Ich musste mich selbst in Exzess und Überdosis, in Verwahrlosung verlieren, um zu spüren, was es bedeutet, loslassen zu dürfen. Ich musste mich in den Seelen und Körpern, in der Lust anderer suchen, um zu erkennen, wo ich anfange und ende und, dass ich frei bin und lebe. Das Innerste sucht stets still und leise nach dem, was es benötigt, um wachsen zu können. All mein Handeln ist das Handwerk eines Dieners, ist das unfreie Tun eines angeketteten Sklaven.
In der Welt des Normalen kenne ich mich schlichtweg nicht aus… Ich kenne nicht ihre Wege und Straßen und nicht die Ziele und Orte. Ich kenne nunmal keine Seichtheit und bin an einem Kennenlernen nicht interessiert, ich wehre sie ab mit all meinem Tun. Und doch frage ich mich: Wo führt das Leben in Extremen, das Leben, das ein Teil von mir begehrt, wo führt es hin? Wie alt werde ich werden können, mit dieser Art zu leben, ehe der Tod mich einschließen wird? Kann ich mein Leben nicht leben wie die Blumen, die Rosen, die ich so bewundere, still und sanft und ruhig und schön, und nicht wie eine Flamme, die nur das Brennen kennt, die gleißende Hitze und die nach dem Flackern nur das Erlöschen erwartet, ein plötzliches, schnelles Ersterben, und kein anmutiges, langsames Verblühen. Es muss einen Weg in der Mitte geben… Einen Weg, die Mitten zu ertragen und sie nicht zu verschmähen, mich selbst nicht zu missbrauchen, um mich ständig in Höhen oder Tiefen zu stürzen. Ich möchte leben und auch die Zwischenräume zwischen den Tagen und Toden dulden, ertragen, ja sogar genießen können. Ich weiß, dass ich das kann…
(01.09.2025)

