Allzu viele Tage hintereinander verbringe ich nun in den glühenden Sphären der Glückseligkeit und der ausgelassenen Lebensfreude und es scheint mir so manches Mal beinahe ein Verrat an meiner mir bekannten Identität, dem mir bekannten Menschen, den ich verkörpere, zu sein. Fragmentarisch ist es, ohne Zweifel, das was ich meine Identität nenne. Und doch ist es alles, was der kleine Geist in mir kennt und sein Eigen nennen kann. Und so wie ich mein Ich-Gefühl bisher erfahren, erfühlen, erahnen konnte, war es stets durchzogen von Dürreperioden des Schmerzes. Zwischen Gipfeln und Hochburgen der Verliebtheit in das Leben schwamm stets ein Brei aus schmerzhafter Nüchternheit, und mein ganzes Wesen war erfüllt vom brutalen Wechsel der Dinge. Meine Tage schmeckten, wenn sie nicht nach Zucker schmeckten, nach Blei. Immer konnte ich das Abbild des Zyklusses aus Regenfluten und Dürrezeiten in meinem Spiegelbild sehen. Ich konnte den Schmerz schon erriechen, erschmecken in meinen Freudentränen und Umarmungen, in seinen Küssen.
Und ich bin unendlich dankbar dafür. Dankbar, dass das Leben mich großzügig ausgestattet, mich reichlich beschenkt hat mit der Gabe, der Fähigkeit, zu spüren und zu leiden. Der Schmerz hat mich immer wieder gelehrt, dass an den Dingen festzuhalten keine gute Idee ist. Ich bin dankbar, dass ich gelernt habe zu leiden und zu überleben und zu leben im Leid, sodass die kleinste Freude ein Beben in meinem Kosmos ist.
Ich bewege mich fort, bewege mich weiter nun, stehe auf der Schwelle zu einem neuen Abschnitt, einem neuen Leben, liege im Schoß von Mutter Erde und gebäre mich selbst erneut. Im Laufe der letzten Monate haben sich Wandel an mir vollzogen, meine Ausrichtung hat sich geändert, hin an einen Ort, an dem ich mir nichts sehnlicher als Weiterentwicklung wünsche, was selbst schon Entwicklung beinhaltet. Und von diesem Ort aus spüre ich nun so ausgesprochenes Glück, wie vielleicht nie zuvor in dieser Intensität, Dauer und Geerdetheit. Ich nehme seit einiger Zeit Medikamente, die mir sehr helfen und mein Leben erleichtern, ich habe nun eine Perspektive, die sich endlich gut und hilfreich, stimmig anfühlt. Ich begegne tatkräftiger Unterstützung und liebender Freundschaft im Außen, und in mir wächst die Stärke, der Welt entgegenzutreten, nein, noch viel mehr als das: Mich mit ihr zu verbinden und mich ihr zu öffnen.
Ich weiß schlussendlich nicht, aus welchem Grund oder welchen Gründen genau, aber mein Vertrauen in das Leben wächst und wächst und erreicht nun so langsam Höhen, von denen ich nicht wusste, dass ich so hoch zu blicken vermag. Meine Vision wird immer klarer, mein Blick schärfer, und mein Gang gelassener und gleichmäßiger.
Ich kann mir selbst beruhigt sagen: Nein, es ist kein Verrat an mir, den Maßstab, die Messlatte meines Glückes zu vergrößern, zu erhöhen und mein Innerstes weit auszufüllen mit Licht und Freude, mit alles in sich einschließender Liebe. Und dadurch auch das, was ich meine so witzhafte und bemitleidenswerte, und doch so schöne und in ihrer Verquertheit vollkommene Identität nenne, nachhaltig zu verändern, zu bereichern an Großherzigkeit, Güte und Mitgefühl für mich selbst und jeden, der mir begegnet.
Die Dürrezeiten haben existiert, und haben mich die Kunst des Rückzuges in mich selbst, die Kunst, die jede mehrjährige Pflanze so kinderleicht beherrscht, den Winterschlaf und das Verharren gelehrt. Doch heute sind da Oasen voller funkelndem, klarem, frischem Wasser, das meine Seele nährt und meinen Lebensdurst stillt. Und aus ihnen werden Ozeane geboren, die meine ganze Erdoberfläche benetzen und umspannen und Leben erschaffen und in ihnen schwimmen und von ihnen trinken lassen werden.
Wie könnte das Verrat sein? Meine Augen immer weiter zu öffnen, und mein Herz immer mehr und tiefer betören zu lassen von der Schönheit der Welt? Mich zu öffnen und so viel Liebe in mich hineinzulassen, bis sie aus meinen Poren herauszuplatzen und alles und jeden um mich herum zu übergießen droht? Es ist der Sinn meines Lebens. Meines kleinen, lustigen, erbärmlichen, wundervollen, bizarren Lebens…
(29.02.2026)

